11. Mai 2026
KI: Hilfe zur Selbsthilfe oder kontraproduktiv?
KI-generierte Klagen: Warum Gerichte zunehmend unter KI-Schriftsätzen leiden
Künstliche Intelligenz verändert derzeit massiv jeglichen Bereich des Lebens. Und insbesondere auch den Zugang zum Recht - so will man jedenfalls meinen. Denn immer mehr Menschen nutzen KI-Tools wie OpenAI "ChatGPT", um eigene Schriftsätze, Widersprüche oder sogar vollständige Klagen zu erstellen. Hin und wieder sucht man "rechtliche Beratung" und lässt sich von ChatGPT plötzlich Gesetze oder Urteile erklären, die gar nicht existieren. Und genau hierin liegt die Gefahr: Was früher juristische Fachkenntnisse oder anwaltliche Unterstützung erforderte, scheint heute mit wenigen Eingaben möglich: Sachverhalt schildern, KI fragen, Text kopieren – fertig.
Nur leider ist das, was die KI ausspuckt, meist gar nicht hilfreich.
Das liegt primär bereits an folgenden drei Faktoren:
- Die KI will dem Nutzer gefallen. Das bedeutet schlicht gesagt, sie antwortet im Sinne des Nutzers.
- Die KI arbeitet mit dem, was sie vom Nutzer erhält. Und oft ist da ganz viel Meinung dabei, die mit einer rechtlichen Würdigung jedoch nichts zu tun hat.
- Die KI erhält alles komplett ungefiltert, weil ein Nutzer gar nicht erkennen kann, welche Informationen tatsächlich relevant sind.
Viele denken sich dann: Die KI bestätigt meinen Anspruch - und am Ende kommt alles ganz anders.
Dennoch wird viel häufiger eine KI verwendet, um vermeintlich rechtliche Schreiben zu fertigen. Gerade im Sozialrecht nimmt diese Entwicklung spürbar zu, sowie generell bei Fällen, die vorm Amtsgericht verhandelt werden.
Dass die Verwendung von KI aber auch kontraproduktiv sein kann, zeigt die aktuelle Praxis: Gerichte werden überflutet. Schriftsätze, die sich über zig Seiten erstrecken, könnten eigentlich auf wenige Absätze gekürzt werden. Gesetze und gar Urteile werden erfunden und als Grundlage herangezogen - und ein etwaiger Anspruch ist verloren, wenn er nicht richtig begründet wurde.
Ungeachtet dessen ist der Wunsch nach Selbsthilfe zunächst nachvollziehbar und in vielerlei Hinsicht auch positiv. Viele Betroffene können sich anwaltliche Beratung nicht leisten oder finden kurzfristig keinen Rechtsanwalt. KI wirkt deshalb wie eine schnelle und kostenlose Alternative.
Doch genau hier beginnt das eigentliche Problem.
KI kann Texte schreiben – aber keine zuverlässige Rechtsberatung ersetzen
Künstliche Intelligenz formuliert häufig erstaunlich professionell klingende Texte. Das Problem: Sprachlich überzeugend bedeutet nicht automatisch juristisch sinnvoll.
Denn KI bewertet Informationen nicht wie ein Rechtsanwalt oder ein Gericht. Sie verarbeitet in erster Linie das, was Nutzer eingeben. Und genau dort liegt die Schwierigkeit: Viele Menschen wissen selbst nicht, welche Informationen rechtlich relevant sind – und welche nicht.
Die Folge: Der KI werden oft komplette Lebensgeschichten, Emotionen, WhatsApp-Verläufe, Vermutungen und Nebensächlichkeiten ungefiltert präsentiert. Die KI verarbeitet all das weiter und erstellt daraus umfangreiche Schriftsätze, die zwar lang wirken, juristisch aber häufig kaum Mehrwert bieten.
Gerichte berichten bereits über Probleme mit KI-Schriftsätzen
Besonders die Sozialgerichte beobachten inzwischen eine deutliche Zunahme KI-generierter Schriftsätze. Dabei geht es häufig um Verfahren im Bereich Bürgergeld, Arbeitslosenversicherung oder Sozialleistungen.
Nach Berichten aus der Sozialgerichtsbarkeit enthalten solche Schriftsätze teilweise:
- extrem lange und unstrukturierte Ausführungen,
- irrelevante Informationen,
- unklare Anträge,
- falsche rechtliche Bewertungen,
- oder sogar erfundene Gerichtsentscheidungen sowie Gesetze.
Selbst das Bundessozialgericht hat bereits auf KI-generierte Schriftsätze mit fehlerhaften oder nicht existierenden Entscheidungen hingewiesen. Die Überprüfung solcher Inhalte verursacht erheblichen zusätzlichen Aufwand für die Gerichte.
Dabei war es bereits vor KI nicht ungewöhnlich, wenn man gar Jahre auf einen Gerichtstermin wartete. Denn bereits davor waren die Gerichte überlastet. Jetzt ist diese Belastung ins Extreme gestiegen und Betroffene könnten noch länger warten müssen.
Warum lange Schriftsätze oft kein Vorteil sind
Viele Menschen glauben, ein besonders umfangreicher Schriftsatz wirke automatisch überzeugender. Tatsächlich ist häufig das Gegenteil der Fall.
Gute juristische Arbeit bedeutet vor allem:
- Informationen zu filtern,
- rechtlich relevante Tatsachen herauszuarbeiten,
- klare Anträge zu formulieren,
- und Überflüssiges bewusst wegzulassen.
Genau diese juristische Gewichtung kann KI bislang nur sehr stark eingeschränkt leisten.
Davon abgesehen ist es auch nicht gänzlich ungefährlich, ungefiltert Daten in eine OpenAI einzuspeisen.
Hinzu tritt der Umstand, dass KI halluzinieren können. Das bedeutet, dass Nutzer, die einen Schriftsatz erstellen lassen, diesen ausführlich prüfen und recherchieren müssen - was in der Praxis jedoch kaum einer übernehmen wird, da man der KI blind vertraut.
Das führt dazu, dass manche KI-generierten Klagen aus 40 oder 50 Seiten bestehen, obwohl sich der entscheidende Sachverhalt problemlos auf wenige Seiten reduzieren ließe. Für Gerichte entsteht dadurch ein enormes praktisches Problem: Jeder einzelne Schriftsatz muss trotzdem gelesen und rechtlich geprüft werden.
Gerade in einer ohnehin überlasteten Justiz kostet das wertvolle Zeit.
Hilfe zur Selbsthilfe – aber keine echte rechtliche Einordnung
Natürlich hat KI auch Vorteile. Sie kann Menschen helfen, Hemmschwellen abzubauen, Sachverhalte zu strukturieren oder erste Informationen zu erhalten. KI kann eine echte Unterstützung sein - sofern man sie lediglich wie eine "Assistenz" betrachtet.
Problematisch wird es jedoch dann, wenn KI mit echter Rechtsberatung verwechselt wird.
Denn KI erkennt nicht zuverlässig:
- welche Tatsachen beweisbar sind,
- welche Angaben rechtlich irrelevant sind,
- welche Argumente dem eigenen Fall sogar schaden,
- oder welche Anspruchsgrundlagen tatsächlich einschlägig sind.
Hinzu kommt ein psychologischer Effekt: Weil die Texte sprachlich professionell wirken, überschätzen viele Nutzer automatisch deren rechtliche Qualität.
Fazit: KI ist ein Werkzeug – aber kein Ersatz für juristische Bewertung
Künstliche Intelligenz wird die juristische Arbeit dauerhaft verändern. Auch Kanzleien nutzen KI bereits unterstützend – etwa für Recherche, Strukturierung oder Datenmanagement.
Aber: KI ersetzt keine fundierte rechtliche Prüfung.
Etwas anderes würde auch die Bundesrechtsanwaltskammer kaum erlauben.
Am Ende bleibt juristische Arbeit vor allem eines: die Fähigkeit, das Wesentliche zu erkennen.